Neuhaus Gemalter Stuck - Hallesches Tor Berlin historisch

Geschichte 

Berlins Fassaden im Wandel der Zeit,  von der Kaiserzeit bis heute

Die Altbauten der Hauptstadt haben eine bewegte Geschichte. Wir entführen Sie in vergangene Zeiten und blicken in die Gegenwart.

Neuhaus Gemalter Stuck - Stadt Berliner Schloss historisch

BERLIN IST RESIDENZSTADT 

Nach der Krönung Friedrichs I. zum König in Preußen wurde Berlin 1709 durch Zusammenlegung mit den Städten Kölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur Königlichen Residenz erhoben. Hieraus resultierte eine lebhafte Bautätigkeit. Mit der Zunahme der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung wuchs die Stadt unaufhörlich. Die Bevölkerungszahl stieg von 55.000 im Jahre 1709 auf 
1 Million nach der Reichsgründung im Jahre 1877 und auf 2 Millionen im Jahre 1905. In die Zeit seit 1862 fallen der berühmte Hobrecht-Plan, der den Ausbau der Stadt regelte, ebenso die Festlegung der Traufhöhe der meisten Gebäude auf 22 Meter. Die vielerorts stadtbildprägende Bebauung stammt aus dieser Epoche. Als Reichshauptstadt, Residenz des preußischen Königs und deutschen Kaisers bis 1918, war Berlin zugleich politisches Zentrum und bedeutendste deutsche Industrie-, Wissenschafts- und Finanzmetropole.

Neuhaus Gemalter Stuck - Friedrichstraße Berlin historisch

VORBILDER

Großen Einfluss auf das Stadtbild und die Gestaltung einzelner Fassaden und Gebäude hatten der Bau des Berliner Schlosses  von Johann Friedrich Eosander von Göthe und Andreas Schlüter (heute Humboldt-Forum) seit dem frühen 18. Jahrhundert, ferner die zahlreichen öffentlichen Bauten des Forum Fridericianum und Karl Friedrich Schinkels, immer auch die baukünstlerischen Vorbilder Italiens und Frankreichs. 

Neuhaus Gemalter Stuck - Belle Alliance Platz Mehringsplatz Berlin historisch

MAN HÄLT ETWAS AUF SICH

Berlin konkurrierte im Hinblick auf seine repräsentative Wirkung mit den anderen europäischen Haupt- und Residenzstädten Paris, Wien und London. Die Stadtquartiere sind bis heute geprägt von Boulevards, meist begrünten Straßen, Parks. Der Bauschmuck von Spätklassizismus, gründerzeitlicher Neorenaissance und Neobarock wie auch Jugendstil erfuhr hierbei in Berlin eine ganz besondere Ausprägung, die noch heute an den erhaltenen Fassaden und Quartieren ablesbar ist. In den Gesichtern der Wohn- und Geschäftsbauten, aber auch öffentlicher und sogar technischer Gebäude von vor 1918 spiegeln sich handwerkliche Lust und Können wie das Interesse an vor allem bürgerlicher Repräsentation, Lebensfreude und Wertschöpfung.

Neuhaus Gemalter Stuck - Abstuckung Entstuckung Wilhelmstraße Berlin 1926

BEGINNENDE ABSTUCKUNG IN DEN 1920ER JAHREN

Das Ende des Ersten Weltkrieges leitete einen  breiten gesellschaftlichen Wandel ein, der auch an der Gestalt des repräsentativen und ornamentierten Stadt- und Wohnhauses der vorangegangenen Epoche nicht haltmachte.
Schon die erste Entstuckungswelle, die bereits in den
1920er Jahren einsetzte und in den 1930er Jahren noch einmal einen Höhepunkt erreichte, zielte auf die Beseitigung der seit Ende des Kaiserreiches immer häufiger als „überflüssigen Tand” verunglimpften Ornamentik ab. Dennoch waren diese Eingriffe gerade in den Wohnquartieren noch partiell, das  Gesamtbild der historischen Stadtquartiere mit seinem abwechslungsreichen Bauschmuck herrschte – abgesehen von empfindlichen Eingriffen für Regierungsbauten noch bis in die 1940er Jahre vor.

Neuhaus Gemalter Stuck - Bomben auf Berlin

BOMBEN AUF BERLIN

Mit den ersten großen Luftangriffen seit 1943 und den Zerstörungen im April und Mai 1945 fielen große Teile der Stadt zunächst in Trümmer. Besonders betroffen war die Innenstadt, andere Teile Berlins 
waren hingegen nur wenig beschädigt oder kaum in Mitleidenschaft gezogen worden. Von 1.562.641 Wohnungen wurden über 500.000 total zerstört, rund 100.000 schwer und 380.000 leicht beschädigt; nur 370.000 blieben unbeschädigt. In den Bezirken Berlin-Mitte und Tiergarten waren über 50 % der Wohnungen total oder schwer zerstört.

Neuhaus Gemalter Stuck - Trümmerfrauen Berlin

STUNDE NULL UND WIEDERAUFBAU 

Trümmerbeseitigung, Neu- und Wiederaufbau von Wohnraum, aber auch der Infrastruktur Berlins hatten in den ersten Nachkriegsjahren Priorität. Beide Stadthälften tendierten zu einer Modernisierung, die zugleich das Tradierte und Bürgerliche, insbesondere der prägenden Bebauung der Kaiserzeit, in Frage stellte. Viele handwerklich und städtebaulich wertvolle Bauten wurden in beiden Stadthälften überformt  oder gleich ganz beseitigt. Heute undenkbar: Für das Abschlagen von beschädigten Stuckfassaden wurden vom Senat  in Berlin (West) sogar bis in die 1960er Jahre Prämien an die Hausbesitzer vergeben. Auch im Ostteil wurden viele Straßen ihres Stucks beraubt, etwa in weiten Teilen Lichtenbergs. Entstuckung und Purifizierung waren „en vogue“, der Verlust auch durch sogenannte „Flächensanierungen“ (Abriss ganzer Wohnblöcke) weckte erst seit den späten 1960er Jahren und in den 1970er Jahren Widerspruch. Den Wert der alten kaiserzeitlichen Wohnhäuser erkannten gerade im Westen mehr und mehr ökologisch und alternativ orientierte Milieus, gerade in Kreuzberg und Tiergarten. Hausbesetzungen verhinderten Abrisse historisch wertvoller Zeugnisse bis hinein in die 1980er Jahre.

BERLIN HEUTE: OPULENZ NEBEN TRISTESSE

Neuhaus Gemalter Stuck - Stuckierte Altbau Fassade Berlin

Der Bewusstseinswandel und eine Neubewertung der wertvollen Stuckfassade und des historischen Mietshauses und Stadtquartiers setzte in Berlin (West) insbesondere nach 1981 mit dem Preußenjahr und 1987 im Zuge der Internationalen Bauausstellung ein. 
Zunehmend wurden Stadtquartiere und Mietshäuser unter Denkmalschutz gestellt und öffentlich gefördert saniert, an anderer Stelle engagierten sich private Hausbesitzer. Viele historische Gebäude mit ihrem historischen Bauschmuck konnten so bewahrt oder  wiederhergestellt werden. Viel zu viele andere, einst festlich geschmückte und wertvolle Gebäude, die das öffentliche Straßenbild mitprägen, blieben bis heute hingegen versehrt – gesichtslos und eintönig verputzt oder gestrichen warten sie auf eine Wiedererweckung.
– Phoenix aus der Asche.